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2. März 2010

Enno trifft: Naikan im Knast am Kaliberg

Enno trifft Knast Sehnde

Die Busstation am Sehnder Bahnhof ist zugig an diesem Dienstagmorgen im Februar. Als einziger Fahrgast wird Enno, hannoverscher Landtagsabgeordneter, die vier Stationen bis zur Endstation am Kaliberg mitten "in die Pampa" fahren.

Als 2003 das neue Gefängnis in Sehnde errichtet wurde, war trotz der großen Distanz zur Wohnbebauung viel Skepsis und Kritik aus der Nachbarschaft zu hören. Heute, sechs Jahre nach der Inbetriebnahme, ist ein fast schon nachbarschaftliches Verhältnis entstanden. Im Beteiligungsrat der Haftanstalt sind kommunale PolitikerInnen gern gesehen und engagiert. Etliche SehnderInnen gehören inzwischen zu den über dreihundert Beschäftigten und Honorarkräften, die im Knast Ihren Arbeitsplatz haben. Handwerksbetriebe der Umgebung nutzen die technisch auf dem neuesten Stand ausgestatteten Werkstätten, um dort für größere Aufträge Zuarbeiten fertigen zu lassen.  Dennoch steht der moderne Bau sehr unwirtlich im Niemandsland und die unregelmäßig etwa stündlich angefahrene Busstation ist von der Region wegen der allzu sporadischen Nutzung auf den Kürzungsindex gesetzt worden. Soweit die ersten Eindrücke, als Enno von der weiblichen Doppelspitze der Anstalt begrüßt und in einem Besprechungsraum des  Verwaltungsbereiches ein Früchtetee gereicht wurde. Die grünen Abgeordneten der Landtagsfraktion sind heute auf Tour zum "Seitenwechsel", diesmal verteilt auf zwölf unterschiedliche Gefängnisse im Land.

Sehnde ist, was die Insassen betrifft, ein reiner Männerknast mit hoher bis höchster Sicherheitsstufe. Von den 530 Haft- und Untersuchungshaftplätzen unterschiedlicher Kategorie sind derzeit gut 430 besetzt. Die Werkstätten (u.a. Metall, Holz, Wäscherei, Küche) haben trotz des auch hier spürbaren krisenbedingten Auftragsrückganges mit der verminderten Personalbesetzung gerade genug zu tun. Häftlinge unterliegen der Arbeitspflicht. Wer sich verweigert, hat nicht nur kein Einkommen (ca. 10 € pro Tag für die Annehmlichkeiten des Lebens, Kaffee, Zigaretten usw.), sondern wird auch für die Kosten der Unterbringung zur Kasse gebeten. Arbeit gegen die ansonsten erdrückende Langeweile ist für jeden Qualifiktionsgrad vorhanden – vom Schrauben sortieren für die Industrie bis zur Fertigung von High Tech Grills für Privatleute (www.jva-shop.niedersachsen.de) und Büromobiliar für den gehobenen Anspruch unserer Gerichte. Es wird zudem vom Deutschkurs, Haupt- und Realschulkurs, Computerführerschein bis zur IHK-Ausbildung, z.B. zum Koch oder Logistiker, für interessierte Häftlinge ein breites Spektrum zur Weiterbildung angeboten. Aber auch freiwillige Gruppenangebote wie "Alternativen zur Gewalt", ein "Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter" und Meditationskurse nach dem japanischen Konzept "Naikan" stehen für die Inhaftierten offen. Naikan, eine freiwillige Aufgabe der Persönlichkeitsrechte für eine Woche zur begleiteten inneren Einkehr, hat inzwischen durch Mundpropaganda eine Warteliste. Die Gefangenen konfrontieren sich in Abgeschlossenheit und Stille eine Woche lang mit den Dingen, die andere für sie im positiven Sinne getan haben und die sie anderen in ihrem Leben angetan haben. Bisher hat noch niemand einen Kurs abgebrochen.

Ennos Resümee: Knäste wurden historisch auch schon immer vor den Städten gebaut, nur dass im Lauf der Geschichte das urbane Wachstum sie vielerorts integriert hat. Da dies in Sehnde auf absehbare Zeit nicht zu erwarten ist, sollte eine Gesellschaft, die an der Wiedereingliederung der Gefangenen interessiert ist, es den Gefangenen und deren Familien zumindest durch eine ordentlich vertaktete ÖPNV-Anbindung so leicht wie möglich machen. Dies würde auch den Beschäftigten sehr entgegen kommen.  

Auf dem Foto von links nach rechts: Stv. Leitung Frau Volker, Leitung Frau Timmermans-Eike, Enno, Öffentlichkeitsarbeit Frau Leitner, Arbeit und Ausbildung Herr Maslak  

 

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