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Von links nach rechts: Kurt Thebes und Andreas Sonnenberg vom Werkheim e.V. im Gespräch mit Enno Hagenah
"Den klassischen Tippelbruder, der frei und unabhängig durch die Lande zieht, gibt es heute nicht mehr. Das ist ein Mythos." Der Wohnungslose von heute kommt aus der Region, ist seit einigen Jahren zunehmend jünger – und immer häufiger weiblichen Geschlechts. Das berichtete Andreas Sonnenberg, Abteilungsleiter Sozialarbeit im Werkheim. Gemeinsam mit Jörg Matthaei, dem Vorstand der Einrichtung, und Kurt Thebes, Mitarbeiter in der Dauerwohnabteilung, empfing er Enno bei seinem Besuch am 24. November im Werkheim e.V. an der Büttnerstraße.
Der Werkheim e.V. arbeitet als eine kirchliche Einrichtung der Sozialhilfe und bietet wohnungslosen Männern neben Unterkunft und Verpflegung ein umfangreiches Beratungs- und Unterstützungsangebot. Insgesamt 164 Einzelzimmerplätze hält der Werkheim e.V. vor. Hinzu kommen weitere 50 Plätze im Bereich der Langzeithilfe für Männer, die in der Regel älter und gebrechlich sind und dauerhaft dort wohnen. Derartige Einrichtungen bieten für nur ca. 10 % der Wohnungslosen in der Region eine Chance zur Rückkehr in die Normalität.
Der Regelaufenthalt der Menschen, die beim Werkheim e.V. landen, ist ein Jahr. Die Einrichtung versucht, diesen Menschen eine feste Struktur zu bieten, ihnen eine Wohnung zu vermitteln und sie ein stückweit zurück in die Gesellschaft zu integrieren. Dazu werden die Männer in weiterführende Hilfen und Berufsqualifizierungsmaßnahmen vermittelt.
Die Erfolgsquote der Einrichtung liegt bei beachtlichen 50 %. ¼ der aufgenommenen Personen kommen anschließend wieder in einer eigenen Wohnung unter, ¼ nehmen weiterführende Hilfen an. Denn in der Regel kommen zur Wohnungs- und Arbeitslosigkeit weitere Probleme psychischer Art und/oder Alkohol- und Drogenmißbrauch hinzu. Eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt ist daher die absolute Ausnahme.
Besonders alarmierend fand Enno die Zunahme von jungen Menschen, die aus dem Raster fallen und auf der Straße landen. "Perspektivlosigkeit als Lebenserfahrung", so formulierten es seine Gastgeber beim Werkheim e.V. Junge Menschen, die bereits aus ihren Familien nichts anderes als Arbeitslosigkeit und Armut kennen, keinen Schulabschluss schaffen und auf dem Arbeitsmarkt chancenlos sind. Jeder fünfte, der zum Werkheim e.V. kommt, ist unter 30 Jahre alt, insgesamt 10 % sogar unter 25 Jahren alt. Und dies sind nur die Männer. 50 % der jungen Wohnungslosen sind heute jedoch Frauen, berichtet Herr Sonnenberg. Für diese gibt es bislang so gut wie keine Anlaufstelle, weil dies ein neues Phänomen ist. Denn früher war Obdachlosigkeit eine fast rein männliche Angelegenheit. Frauen fielen nicht so leicht aus allen sozialen und familiären Bezügen heraus. In der Region gibt es nur sechs feste Plätze für Frauen.
Gerade in diesem Kontext ist es unverständlich, dass die schwarz-gelbe Bundesregierung 2011 eine Halbierung des Budgets für die Arbeitsmaßnahmen plant und die Landesregierung immer noch keine Antwort darauf hat, wie im kommenden Jahr mit doppeltem Abi-Jahrgang und dem Wegfall des Wehr- bzw. des Ersatzdienstes junge Menschen nach der Schule nicht massenhaft in Warteschleifen landen, sondern in Ausbildung kommen.
Der Besuch zeigte Enno dass es gerade im Bildungsbereich noch eine Menge zu tun gibt, um jungen Menschen Zukunftschancen zu bieten und sie nicht aus dem sozialen Netz fallen zu lassen. Denn auch wenn keine offiziellen Statistiken geführt werden, wie viele Menschen auf der Straße leben müssen, die Zahl derer, die beim Werkheim e.V. um Hilfe bitten, nimmt wieder zu.
Dass auch Menschen in besonders schweren sozialen Situationen zu besonderen Leistungen fähig sind, zeigt ein anderes Beispiel aus dem Werkheim e.V. Neben einer Laufgruppe hat die Einrichtung auch eine Fußballmannschaft. Einer der Männer schaffte damit sogar den Sprung in die deutsche Nationalmannschaft bei der Wohnungslosen-Weltmeisterschaft in Melbourne 2008.